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13. Februar 2017   Börsenpsychologie

Die Informationsflut ist ein Fluch für die Entscheidungsfindung

PsychologieGerhirn

Viele Anleger denken, sie handeln immer rational. Was sich im Gehirn bei einer Investmententscheidung abspielt, ist jedoch hochkomplex. Neurofinanz-Experte Prof. Bernd Weber beantwortet die wichtigsten Fragen dazu im Interview mit AnlegerPlus.

AnlegerPlus: Herr Weber, was spielt sich im Kopf von Anlegern ab, die eine Aktie kaufen oder verkaufen möchten?
Bernd Weber: Im Endeffekt sind es zwei wesentliche Einflussfaktoren, die im Gehirn bei Anlageentscheidungen eine Rolle spielen: Das Belohnungssystem des Menschen löst das motivationale Verhalten aus, es sagt uns, was wir haben wollen, und erinnert an Erfahrungen, die sich gut anfühlen. Hinzu kommt die Risikowahrnehmung, denn bei jeder Entscheidung verarbeitet das Gehirn, wie risikoreich diese ist. Beide Strukturen beeinflussen das Entscheidungsmuster – und hier existieren deutliche Unterschiede zwischen Menschen.

Wie bildet sich das Risikoprofil eines Anlegers aus? Wie wird ein Anleger zum Zocker?
Das ist auch für die Forschung eine extrem spannende Frage. Ich glaube, es ist am Ende eine Kombination aus Veranlagung und Umwelteinflüssen, also dem, was die Natur uns mitgibt, und dem Umfeld, in dem man aufwächst und erzogen wird.

„Unter Stress zeigt der Mensch andere Reaktionen, man entscheidet anders.“

Kann man eine rationale Chancen- und Risikoabwägung trainieren?
Wahrscheinlich schon. Grundsätzlich verarbeiten wir Informationen von außen sehr impulsiv. Wenn wir Gewinne erzielen oder Verluste realisieren, betrifft uns das emotional. Wenn man das akzeptiert, kann man den Einfluss dieser Emotionen besser kontrollieren und regulieren. Es ist davon auszugehen, dass Elemente wie Achtsamkeit auf eigene Körpersignale oder die Distanzierung von eigenen Emotionen, die beide aus der Psychotherapie stammen, dabei helfen können.

Bedeutet das auch, dass man in körperlichen oder psychischen Stressmomenten wie Zeitdruck, Hunger oder Schlafmangel lieber keine Transaktion tätigen sollte?

Klar ist: Unter Stress zeigt der Mensch andere Reaktionen, man entscheidet anders. Besonders gut untersucht ist das Phänomen im Ernährungskontext. Wichtig ist, Körpersignale bewusst wahrzunehmen, den emotionalen Zustand zu bestimmen und dann den Schluss zu ziehen, ob man eine Entscheidung besser vertagen sollte.

Sendet das Hirn ein Warnsignal an den Anleger, wenn ein Crash bevorsteht?
Das wäre gigantisch – und es gibt eine Studie, die das tatsächlich andeutet. Im Laborumfeld wurden künstliche Aktienmarktblasen erzeugt und bei einigen Teilnehmern fand man im Gehirn Signale, die dem Platzen der Blase vorausgingen. Wahrscheinlich gibt es bei bestimmten Menschen also eine entsprechende Intuition. Die Frage ist, ob man sich das bewusster machen oder mit Hilfe von Geräten visualisieren kann.

Einige Investment-Gurus sagen: Kauft eine Aktie, lasst sie 20 Jahre liegen und freut euch dann über einen Wertzuwachs. Kann unser Hirn das überhaupt?
Per se ist der Mensch kurzfristig orientiert, das zeigt sich etwa im zurückhaltenden Umgang mit der Altersvorsorge. Man muss versuchen, das impulsive und gegenwartsgesteuerte Denken ignorieren zu lernen.

Haben Sie hierfür einen Tipp?
Die wichtige Hürde ist die Entscheidung selbst. Der normale Anleger verspürt im Vorfeld eine hohe Unsicherheit, weil sein Wissen relativ gering ausgeprägt ist und er gleichzeitig eine riesige Auswahl an Optionen hat, sein Vermögen anzulegen.

„Man möchte sich so verhalten, wie es andere auch tun – selbst dann, wenn man es besser weiß.“

Ist die enorme Menge an verfügbaren Informationen dabei Fluch oder Segen für die Entscheidungsfindung?
Eher Fluch. Die ursprüngliche Idee war: Je mehr Informationen und Optionen zur Verfügung stehen, desto eher finde ich das für mich passende Produkt. Die wahnsinnige Menge an Möglichkeiten führt aber dazu, dass man gar nichts entscheidet und sein Geld auf das Tagesgeldkonto legt, weil man Angst hat, die falsche Entscheidung zu treffen.

Ist es besonders schwer, gegen den Trend zu handeln, weil man sich dadurch in die ungeliebte Außenseiterrolle begibt?
Ja, das ist so. Soziale Konformität ist unheimlich wichtig für Menschen, das wissen wir spätestens seit Experimenten in den 1950er Jahren. Man möchte sich grundsätzlich so verhalten, wie es andere auch tun – selbst dann, wenn man es eigentlich besser weiß. Viele Anleger denken, dass die Masse von Menschen bessere Informationen hat. Man orientiert sich an ihnen, um seine Fehler zu reduzieren – und um die Verantwortung für eine mögliche Fehlentscheidung von sich wegzuschieben.

Letzte Frage: In was investieren Sie persönlich?
Nicht in einzelne Aktien, sondern in Fonds, für meine Kinder auch gerne per monatlichem Sparplan. Ich tendiere dazu, eine Entscheidung zu treffen und nicht mehr darüber nachzudenken.

Zur Person
Bernd Weber, 40, hat an der medizinischen Fakultät der Universität Bonn promoviert und habilitiert. Als Professor beschäftigt er sich dort seit 2010 mit dem biologischen Einfluss auf Finanzentscheidungen von Menschen und ist als Direktor des Center for Economics and Neuroscience einer der führenden Köpfe im Forschungsgebiet der Neurofinanzen.

 

Interview: Sven Köpsel