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29. Dezember 2017   Interview

„Ich glaube, ohne Sixt wäre es mir einfach langweilig.“

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73 Jahre jung, wie er selbst betont, und dennoch keine Anzeichen von (Amts-)Müdigkeit: Erich Sixt ist noch immer Dreh- und Angelpunkt beim Mietwagenkonzern Sixt. Und wenn man ihn erlebt, wie er über Wachstumschancen in den USA, autonomes Fahren oder die Shared Economy spricht, verwundert es nicht mehr, wie Sixt aus dem überschaubaren Familienunternehmen einen Global Player geformt hat.

AnlegerPlus: Danke, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch nehmen, Herr Sixt. Gibt es eigentlich noch Fragen, die Sie in Ihrer Laufbahn noch nicht beantworten mussten?

Erich Sixt: Bestimmt. Und mal ehrlich: Wie wollen Sie in einem Interview, das vielleicht eine Stunde lang dauert, wirklich herausfinden, wer hinter einer Person steht? Das wissen wir ja nicht einmal selbst. Ich würde auch sagen, ich bin ein unwissender Mensch. Wie sagte Isaac Newton so schön: „Unser Wissen ist ein Tropfen. Was wir nicht wissen, ist ein Ozean.“

Worüber würden Sie denn gerne noch mehr erfahren?

Die einfachste Frage ist: Warum gibt es uns überhaupt? Dass unser Universum vor Milliarden Jahren durch einen Urknall entstanden sein soll, ist doch ein sehr seltsames Phänomen. Und das ist eine Frage, die uns bis zum letzten Moment begleiten wird und uns bescheidener machen sollte.

Sie sind als erfolgreicher Manager selbst zu Wohlstand gekommen. Wie bleibt man trotzdem bescheiden?

Indem wir uns bewusst machen, wie unbedeutend wir eigentlich sind und unser eigenes Handeln ständig hinterfragen. Und indem wir Respekt vor unseren Mitmenschen haben. Ich bin ja nicht allein auf diesem Planeten, und ich bin auch nicht besser als andere. Übrigens mag ich das Wort „erfolgreich“ nicht. Erfolg ist der größte Feind des Erfolgs. Man hatte ihn im besten Fall in der Vergangenheit – aber die ist vorbei. Was zählt, ist das Heute und welche Vision ich für die Zukunft habe. Außerdem gibt es oftmals einen Unterschied zwischen Managern und Unternehmern: Ein Manager tut, was er weiß – ein Unternehmer weiß, was er tut.

Wären Sie denn auch ein guter Manager in einem anderen Konzern geworden?

Das ist eine hypothetische Frage, aber die Wahrscheinlichkeit halte ich für extrem gering. In einem großen Konzern muss man sich anpassen, man muss funktionieren. Wahrscheinlich hätte man mich schnell gefeuert, schon deshalb, weil ich Bürokratie verachte. Das geht bei festen Arbeitszeiten los. Warum sollte ein Mitarbeiter um Punkt acht Uhr im Büro sein müssen? Es zählt doch nur die Leistung, die er bringt. Ich verfasse auch keine Aktennotizen, um mein Tun zu rechtfertigen. Mein Erfolgsrezept, wenn man es als solches bezeichnen kann, ist Chaos. Kreativität und Innovation können nur entstehen, wenn man Dinge ständig durcheinanderwürfelt und sich vom gewohnten Denken löst. Auch das ist in vielen Unternehmen nicht gefordert. Was noch eher zu mir passen würde, ist ein Start-up. Dort sind viele große Dinge entstanden, dort wird unternehmerisch gedacht.

Sind Sie eigentlich ein politscher Mensch, Herr Sixt?

Nein. Ich denke, ich bin apolitisch.

Die protektionistischen Tendenzen in unserer Welt, etwa in Großbritannien und in den USA, dürften Ihnen trotzdem nicht gefallen. Schließlich hat Sixt massiv von der Globalisierung profitiert.

Wir werden auch weiterhin von der Globalisierung profitieren. Ich muss die Dinge aber so hinnehmen, wie sie sind und sollte als Unternehmer in jeder Situation in der Lage sein, Gewinn zu erwirtschaften. Schauen Sie: In der Geschichte der Menschheit waren Politiker nie sonderlich klug. Sie verschwenden einen großen Teil ihrer Zeit damit, ihre Position zu verteidigen. Die Instanzen in den demokratischen Systemen helfen uns aber, die Macht des Einzelnen zu begrenzen. Das sehen Sie derzeit in den USA, wo Donald Trump wenig anrichten kann – außer, dass er sein Land in Misskredit bringt. Im vergangenen Jahr war ich am Präsidentschafts-Wahlabend in New York, unter anderem auf der Wahlparty der Demokraten. Dort brachen Menschen in Tränen aus, als würde die Welt untergehen. Ich sagte damals schon: Ihr dürft nicht vergessen, dass es unzählige Institutionen gibt, die dafür sorgen werden, dass Trump nichts durchsetzen wird. Das ist der Vorteil von Demokratie.

Eigentlich müssten Sie den Politikern sehr dankbar sein – ihnen haben Sie ja zahlreiche Werbemotive zu verdanken. Bei Trump haben Sie sich aber nicht getraut.

Das stimmt. Die Schadenersatzforderungen, die da kommen könnten, sind einfach zu hoch. Bei Putin muss man auch aufpassen. Und in der Türkei, bei Erdogan, erleben wir, was Diktatur bedeutet. Da hört auch der Humor auf.

Haben Sie im Nachhinein schon mal gedacht: Diese Werbung war geschmacklos, da sind wir zu weit gegangen?

Ja, das passiert. Das Schlimmste war, als wir einmal die Kirche angegangen sind. Die Anzeige ging über zwei Seiten. Auf der ersten Seite stand: Gehen Sie nicht in die Kirche! Auf der zweiten stand dann: Fahren Sie mit Sixt zur Kirche! Damit haben wir religiöse Gefühle verletzt, das sollte man nicht machen.

In den 1980er Jahren haben Sie mit Jean-Remy von Matt die Werbestrategie von Sixt entwickelt. Wie viel ist davon noch übrig geblieben?

Das Wesentliche! Wir haben damals begonnen, den Slogan „Fahren Sie einen Mercedes zum Preis eines Golfs“ zu bewerben. Ein tolles Auto zu einem vernünftigen Preis zu fahren – dieses Versprechen von Sixt gilt bis heute. Und wir haben damals schon erkannt, dass wir eine Faszination um die Marke aufbauen und Sixt mit Emotionen besetzen müssen. Menschen sind nun mal keine rational handelnden Wesen, sie sind von Emotionen getrieben. Was die Faszination angeht, sind wir das Apple der Mietwagenbranche.

Was wird die Vermietung von Fahrzeugen, also Ihr Kerngeschäft, in den kommenden Jahren am meisten beeinflussen?

Es wird heute viel über Shared Economy gesprochen, also darüber, dass Besitz an Bedeutung verliert. Ich glaube auch, dass zukünftig mehr Menschen für die reine Nutzungszeit eines Autos zahlen wollen. Ein Auto wird nur 4 % seiner Lebenszeit genutzt, ansonsten steht es herum. Das führt zu neuen Mobilitätskonzepten, von denen Sixt profitiert. Aber: Ganz so dramatisch wird der Wandel nicht sein. Es wird immer Menschen geben, die aus Statusgründen ein Auto besitzen und dem Nachbarn zeigen wollen: Ich habe es geschafft!

Mit dem Carsharing-Dienst DriveNow haben Sie schone eine Antwort für die Shared Economy parat, allerdings nur in Metropolen wie Berlin oder London. Wird das auf absehbare Zeit eine Lösung für Großstädte bleiben?

DriveNow gibt es immerhin bereits in 13 Städten in Europa. Nur in größeren Metropolen bekommt man jedoch die nötige Teilnehmerzahl, damit die Autos ausreichend genutzt werden.

Im Frühjahr hat Ihr DriveNow-Partner BMW öffentlich mit dem Daimler-Dienst Car2Go geflirtet und in den USA ein eigenes Geschäft mit Mietfahrzeugen aufgebaut. Stehen die Zeichen auf Trennung?

Gerüchte kommentiere ich nicht. Nur so viel: Ich bin mit der Partnerschaft sehr zufrieden und betrachte DriveNow als Juwel, auch in technologischer Hinsicht. Mit den Systemen für die Flottensteuerung beschäftigen sich Hunderte IT- und Software-Spezialisten auf der ganzen Welt, auch in Bangalore oder in Kiew. Sixt ist heute ein IT-getriebenes Unternehmen.

Wie leicht oder schwer fällt es Ihnen, sich in diese Themen reinzudenken?

Ich habe früher sogar selbst programmiert! Das war, als wir noch sehr klein waren und ein Reservierungssystem brauchten. Da habe ich eine Woche lang Tag und Nacht durchgearbeitet. Der Code war furchtbar schlecht strukturiert – aber es hat funktioniert. Ein Minimum an IT-Fachwissen zu haben, hilft heute enorm.

IT spielt auch beim autonomen Fahren eine große Rolle. Wann wird denn der erste Sixt-Kunde in einem autonomen Mietwagen unterwegs sein?

Als Dienstleister bieten wir dem Kunden das Produkt an, das er will. Meine private Meinung dazu: Es wird noch mindestens zehn Jahre dauern, bis autonome Autos in großem Stil zum Einsatz kommen. Die Technik allein genügt ja nicht. Alle EU-Länder müssen einheitliche Regelungen zu den noch ungeklärten Fragen finden, beispielsweise, welche Sicherheitssysteme benötigt werden. Übrigens könnten auch Flugzeuge heute schon autonom fliegen. Aber wer würde schon in ein Flugzeug einsteigen, in dem vorne kein Pilot sitzt? Ich würde es nicht tun!

Lassen Sie uns noch mal auf Ihre Märkte schauen. Sie sind Marktführer in Deutschland, haben weltweit 2.200 Stationen in über 100 Ländern. Wo sehen Sie noch Wachstumspotenzial?

Zweifelsfrei in den USA. Der Markt ist 29 Milliarden Dollar groß, mit ein paar Hundert Millionen Dollar haben wir heute einen winzigen Marktanteil. Allerdings wachsen wir rasch. Am Flughafen in Miami hatten wir im Juni bereits mehr als 11 % Marktanteil, der Standort ist nach München heute schon zweitwichtigster Flughafen für Sixt. Auch Los Angeles, San Francisco und Orlando zählen zu unseren Top 10. Und das, obwohl wir dort erst seit wenigen Jahren aktiv sind, bei null begonnen und auch kein Unternehmen gekauft haben. In diesem Jahr werden wir wahrscheinlich auch erstmals Geld in den USA verdienen – und für 2018 haben wir neue Standorte wie Denver, Houston und Chicago auf unserer Liste.

Wie schaffen Sie es denn, auch die Amerikaner für die Marke Sixt zu begeistern?

Das klappt bereits ganz gut. Ich war vor einiger Zeit mal auf einer Tagung in der Nähe von Orlando – der Flughafen dort war ganz klein, aber mit Zollkontrolle. Der Zollbeamte sah meinen Pass und fragte mich, ob ich was mit der Autovermietung Sixt zu tun hätte. Er sei Stammkunde, miete regelmäßig in Orlando, wo er Verwandtschaft habe. Warum er denn bei Sixt miete, fragte ich ihn. Manchmal bekomme er einen Mercedes, manchmal einen BMW oder Audi, es gebe aber auch Mustang und Cadillac. Das mache einfach Spaß, dafür zahle er auch gerne ein paar Dollar mehr. So wie es bei diesem Kunden gelungen ist, müssen wir Fans für unsere Marke gewinnen, die Sixt weiterempfehlen.

Nach neun Monaten ist das operative Geschäft insgesamt um 8,2 % gewachsen. Beim Autovermietungsgeschäft fällt insbesondere der EBT-Sprung um 34,6 % auf. Warum wird der Bereich rentabler?

Wir machen viele Details besser, beispielsweise bei der Auslastung der Fahrzeuge, einer der wichtigen Stellschrauben in unserem Geschäft. Mit eigenentwickelten, hochkomplexen IT-Systemen   berechnen wir, wie wir unsere Flotte verteilen müssen, um die erwartete Nachfrage am besten zu bedienen. Wenn man die Auslastung der Fahrzeuge um ein Prozent steigert, macht das rund fünf Millionen Euro im Ergebnis aus.

 

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Sixt Leasing musste derweil eine Gewinnwarnung rausgeben, hier werden die angestrebten Ziele nicht erreicht. Warum nicht?

Wir haben uns operativ deutlich verbessert, mussten aber bilanzielle Vorsorge auf Gebrauchtwagenwerte vornehmen, auch beeinflusst durch den Diesel-Skandal. Natürlich kann man dann auch ein adjustiertes Ergebnis ausweisen, aber davon halte ich nichts, das ist furchtbar irreführend. Angesichts der Ertragskraft des Gesamtkonzerns fällt der leichte Gewinnrückgang im Leasing-Geschäft aber nicht ins Gewicht. Für Sixt Leasing sehe ich im Übrigen eine große Zukunft, speziell im Ausland haben wir noch viel Luft nach oben.

Ihren beiden Söhne Konstantin und Alexander sind auch Sixt-Vorstandsmitglieder. Wie können Sie eigentlich zwischen der CEO-Rolle und der Vater-Rolle unterscheiden?

Als Vater habe ich immer offene Diskussionen gepflegt, ich bin kein Patriarch. Wer mich so bezeichnet, verkennt meine Persönlichkeitsstruktur. Meine Söhne sind es also gewohnt, offene Worte mit mir zu wechseln. Das macht mir Spaß.

Sie sind 73, Ihre Söhne beide Mitte 30. Die Führungsstile sind bestimmt sehr unterschiedlich.

Ich glaube nicht an Führungsstile, man lernt Führung nicht in irgendeinem Buch. Entscheidend ist, authentisch zu bleiben, ehrlich mit den Mitarbeitern umzugehen und ihnen die Besessenheit, das Unternehmen voranbringen zu wollen, vorzuleben. Und meine Söhne sind genauso besessen wie ich.

Ihr Vorstandsvertrag läuft noch bis 2020. Ist dann Schluss als CEO?

Das entscheidet zunächst einmal der Aufsichtsrat, dort sitzen ja keine Familienmitglieder. Wenn sie das Gefühl haben, dass ich es nicht mehr schaffe, werden sie mir das schon sagen. Schluss mache ich dann, wenn ich nicht mehr willens bin, Dinge zu ändern, und sage: Das haben wir immer schon so gemacht.

Was treibt Sie jeden Tag an? Sie könnten es sich doch auf dem Golfplatz gut gehen lassen.

Ich spiele kein Golf – das ist für mich ein Spaziergang mit Hindernissen. Mit Aktien zu spekulieren und die Börsenkurse zu studieren, wäre auch keine spannende Sache. Zu sehen, wie sich Mitarbeiter entwickeln und das Unternehmen wächst, ist dagegen ein großes Vergnügen. Ich glaube, ohne Sixt wäre es mir einfach langweilig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person: Erich Sixt wurde 1944 im österreichischen Mistelbach geboren. Sein BWL-Studium brach der Unternehmer ab, um 1969 eine lokale Autovermietung mit rund 200 Fahrzeugen von seinem Vater zu übernehmen. Noch heute führt Sixt den Konzern, den er 1986 an die Börse brachte, als CEO.

Sven Köpsel



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